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Drei allgemein-relativistische Bezugssysteme
Rotierendes Bezugssystem
Wir übernehmen die für kleine Winkelgeschwindigkeiten
gültigen Resultate aus unserer Monographie:
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(18) |
 |
(19) |
Die in v quadratischen Terme in der Bewegungsgleichung
(17) sind für kleine Geschwindigkeiten zu vernachlässigen,
so daß wir die bekannte Gleichung
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(20) |
erhalten.
Gleichmäßig beschleunigtes Bezugssystem
Wir verzichten auf die Wiedergabe der Einzelrechnungen, sondern
geben gleich die für kleine Geschwindigkeiten gültigen Resultate
an
(
a=e1a konstante Beschleunigung in x-Richtung
):
Für die Christoffel-Symbole erhalten wir
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(21) |
Alle nicht aufgeschriebenen Christoffel-Symbole verschwinden. Für den
metrischen Vektor bekommen wir
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(22) |
woraus
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(23) |
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(24) |
sowie
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(25) |
hervorgeht. Mittels dieser Größen folgt
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(26) |
Damit resultiert für die Bewegungsgleichung (17)
in der betrachteten Näherung
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(27) |
Bezugssystem der Kerr-Lösung
Ohne in die Einzelheiten gehen zu wollen, notieren wir die Struktur
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(28) |
für die bekannte Kerr-Lösung für einen rotierenden Körper. Für den
metrischen Vektor folgt daraus
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(29) |
so daß
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(30) |
und
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(31) |
ensteht. Diese Größen führen zu
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(32) |
Im Spezialfall der Schwarzschild-Metrik erhalten wir
(
rg Schwarzschild-Radius, M0 Zentralmasse,
Newtonsche Gravitationskonstante
)
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(33) |
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(34) |
In (33) erkennen wir unschwer die Gravitationskraft in
Newtonscher Begriffsbildung.
Problematik eines verallgemeinerten Inertialsystems in der ART
In der Newtonschen Physik reduziert sich die Frage der Einführung eines
Inertialsystems im wesentlichen auf den Übergang zu einem nichtbeschleunigten
Bezugssystem, was seinen Niederschlag in der Erfüllung der Gleichung
(3) fand. Die Gravitationskraft war dabei unangetastet geblieben.
In der ART ist dieser Standpunkt nicht einnehmbar, da sich die
Gravitationsbeschleunigung prinzipiell nicht als Bezugstensor von
Z abspalten läßt, also keine permanente
(eingeprägte) Gravitationskraft existiert. Deshalb bieten sich folgende zwei
Varianten an, falls man an der Einführung eines verallgemeinerten Inertialsystems
festhält:
1. Erste Variante
Man definiert ein verallgemeinertes Inertialsystem durch
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(35) |
Bezüglich der Gravitation überzieht man dabei allerdings die Situation
gegenüber der Newtonschen Physik, denn die Schwarzschild-Metrik erfüllt
die letzte dieser Bedingungen nicht. Da die Bedingungen in
(35) mit
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(36) |
äquivalent sind, nimmt die Beschleunigung (17) die Gestalt
 |
(37) |
an. Wirkt kein elektromagnetisches Feld auf das Teilchen, so folgt
v = const.
2. Zweite Variante
Man schließt sich ganz eng an die Begriffsbildung der Newtonschen Physik an
und schränkt sich auf inselförmige Materieverteilung ein. Dann bietet sich
die folgende Definition an:
 |
(38) |
Durch die letzte Formel wird ausdrücklich auf die Grenzbedingungen im
Räumlich-Unendlichen Bezug genommen. Denken wir uns
Z in eine Laurent-Reihe entwickelt, so korrespondiert der fallende Ast
mit der Gravitation und der steigende Ast mit der Kinematik.
Wegen der unmittelbaren begrifflichen Anknüpfung an die Newtonsche Physik
neigen wir jetzt dazu, der zweiten Variante den Vorzug zu geben.
Zum Abschluß dieses Abschnittes merken wir an, daß Fock für eine
inselförmige Massenverteilung die Einführung eines Inertialsystems
durch die Auferlegung der Harmonizitätsbedingung
 |
(39) |
der er prinzipielle Bedeutung zuschreibt, erreichen wollte. Fock wandte sich
mit Recht gegen die nach Schaffung der ART von vielen vertretene Meinung,
daß die Auswahl bestimmter, der physikalischen Situation angemessener
Bezugssysteme wegen der Nichtexistenz von Galilei-Koordinaten im Riemannschen
Raum zu einem Scheinproblem geworden sei. Durch diese Ansicht wurde der
philosophische Relativismus bestärkt und die Verknüpfung der ART mit dem
Meßprozeß vernachlässigt. Allerdings suchte nach unserer Auffassung Fock
die Lösung dieser Problematik in einer falschen Richtung. Wir glauben, daß
die sachgemäße Definition der Meßgrößen in der ART durch die Theorie der
Bezugstensoren eingeleitet wurde.
Früher haben wir im einzelnen auf Grund einer transformationstheoretischen
Analyse dargelegt, daß es nicht möglich ist, die Gravitationsbeschleunigung
von der Zentripetalbeschleunigung (beides in Newtonscher Sprechweise)
eindeutig zu trennen. Wir halten deshalb die von Fock vertretene Meinung,
daß die Harmonizitätsbedingung (39) die Absonderung der
"echten" Gravitationsfelder von den "fiktiven" gestattet, für nicht
haltbar.
Die Situation ist unseres Erachtens einfach so: Ist die Raum-Zeit
ungekrümmt, so liegt keine Gravitation vor. Es treten lediglich
kinematische Effekte auf, die man durch die Benutzung eines Inertialsystems
eliminieren kann. Ist die Raum-Zeit gekrümmt, so ist das ein Zeichen für
das Vorhandensein von Gravitation. In diesem Fall läßt sich
allgemein-theoretisch, d.h. prinzipiell, die Kinematik nicht eindeutig von
der Gravitation (in Newtonscher Sprechweise) trennen. Lediglich bei
inselförmiger Materieverteilung läßt sich im Sinne unserer Variante 2 der
Begriff eines verallgemeinerten Inertialsystems in der ART einführen, mit
dessen Hilfe in diesem eingeschränkten Fall die kinematischen Effekte
eliminiert werden können.
Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, daß die Einstein-Gleichungen
überhaupt Lösungen mit euklidischer Raum-Zeit im Räumlich-Unendlichen
besitzen (Schwarzschild-Lösung, Kerr-Lösung). Dadurch ist überhaupt ein
derartiges der Variante 2 entsprechendes Inertialsystem einführbar, das wir
als ein für den Bereich der ART zuständiges verallgemeinertes
copernicanisches Bezugssystem ansehen können. Daß eine allgemeine
Gravitationstheorie von der Tragweite der Einsteinschen solche Lösungen
besitzt, ist keineswegs trivial. Es wäre durchaus denkmöglich, daß eine
solche universelle Theorie keine Lösung für einen Einzelkörper als Welt
zuläßt, sondern so total ist, daß die übrige Weltmaterie in großer
Entfernung zwangsläufig mit in der Lösung erscheint. Die Einsteinsche
Theorie besitzt diese Totalität nicht. Mit dieser Fragestellung tangieren
wir bereits das Mach-Prinzip, auf das wir hier allerdings nicht weiter
eingehen wollen.
Rotation in der ART
Die Aufgabe eines Weltäthers in der SRT als universelles Bezugssystem führt
bekanntlich zur Relativierung der gleichförmig geradlinigen Bewegung, d.h.,
es gibt kein ausgezeichnetes Inertialsystem in der SRT.
Die ART wurde von Einstein und seinen philosophischen Anhängern in dieser
Frage so interpretiert, daß sie zur Relativierung auch der beschleunigten
Bewegung führt, weil man sich für deren Fixierung ja auf andere Körper
beziehen müsse, für die es aber ebensowenig einen absoluten Bezugspunkt
gäbe.
Würde man darin den Sinn des Allgemeinen Relativitätsprinzips statt
in dessen Kovarianzaussage sehen, so wäre unseres Erachtens tatsächlich
eine falsche Interpretation dieses Prinzips gegeben. Das ist auch einer der
Angriffspunkte von Fock.
Wir glauben, daß die ART nicht eine Relativierung der allgemeinen Bewegung
impliziert. Mit der Theorie der bezugsinvarianten Aufspaltung von Tensoren
existiert ein mathematisches Werkzeug, mit dessen Hilfe wir tiefer in diesen
Fragenkomplex einzudringen vermögen. Mit der Aufspaltung der
Bewegungsgleichung in der Form (17) haben wir diesen Problemkreis
einer eindeutigen Beantwortung zugeführt. So geht eben in
Z die
Gravitationsbeschleunigung, die Zentripetalbeschleunigung und die
Translationsbeschleunigung usw. ein, während die Coriolis-Beschleunigung
c eine Folge der Rotation des Bezugssystems ist, worüber wir uns
im folgenden noch etwas näher auslassen wollen.
Aus dem in (15)
eingeführten Rotationsgeschwindigkeitstensor läßt sich vermöge
 |
(40) |
der Vektor der Winkelgeschwindigkeit
einführen, der sich bei bezugsinvarianten Transformationen tensoriell transformiert.
Daraus folgt, daß sich der räumliche Anteil
bei bezugsinvarianten Transformationen wie ein Bezugstensor, also wie
 |
(41) |
transformiert. Das berechtigt uns, ein Bezugssystem mit
als rotationsfrei anzusprechen.
Nun taucht natürlich sofort die Frage auf: rotationsfrei wogegen? Unsere
Antwort lautet im Einklang mit Überlegungen von N. Salié: rotationsfrei
gegenüber dem tangential angehefteten lokal-geodätischen Lorentz-System.
Wie in der Abbildung 2 skizziert, hat man sich demnach den gekrümmten
Riemann-Raum, der unsere Welt darstellt, mit infinitesimalen tangentiellen
ebenen Raum-Zeit-Flächenelementen (Minkowski-Räumen) kontinuierlich besetzt
zu denken. Dieser "Schuppenraum" ist als das in der ART (mit Gravitation)
übrig gebliebene Relikt eines im Allgemeinfall nichtintegrablen
Lorentz-Systems anzusehen, auf das sich Aussagen über beschleunigte
Bewegungen beziehen. Damit ist eine lokale Sinngebung dieser aus der
Newtonschen Physik überkommenen Begriffe gerechtfertigt.
Fassen wir die Quintessenz der obigen Darlegungen zusammen, so können wir
für die ART im Prinzip dasselbe wie für die Newtonsche Physik feststellen:
Hinsichtlich des Allgemeinen Relativitätsprinzips sind das ptolemäische
und das copernicanische Bezugssystem im obigen dargelegten Sinne äquivalent.
Hinsichtlich der Grenzbedingungen im Räumlich-Unendlichen kann von einer
solchen Äquivalenz keine Rede sein, da das copernicanische System auch in der
ART als ein (verallgemeinertes) Inertialsystem auffaßbar ist.
Der Inhalt dieses Artikels konzentrierte sich auf Fragen, die sich mit den
Begriffen Inertialsystem, Koordinatensystem, Bezugssystem,
Relativitätsprinzip u.ä. umreißen lassen. Nicht tangieren konnten wir den
gesamten Problemkreis, der sich an die Einschränkung der Gültigkeit des
Energiesatzes in der ART anschließt. Auch diese Thematik ist von großer
philosophischer Relevanz. Obwohl von Einstein im Kern schon 1915 erkannt,
blieb sie mehrere Jahrzehnte kaum philosophisch ausgewertet. Erst durch die
Impulse der Physiker ist sie in den beiden letzten Jahrzehnten von einzelnen
Philosophen aufgegriffen worden.
Ein weitgehend auch von den Physikern noch nicht restlos verstandener
Gegenstand bezieht sich auf die Quantenphysik im Rahmen der ART. Das ist
insbesondere durch die qualitativ neue Erkenntnissituation der gekrümmten
Raum-Zeit bedingt. Selbst so "einfache" Aufgaben wie die eindeutige
Definition der Teilchenzahl der Quanten nichtmetrischer Felder in der
gekrümmten Raum-Zeit werden noch nicht beherrscht, ganz zu schweigen von
der konsistenten Quantisierung des Gravitationsfeldes selbst, sofern diese
Aufgabenstellung überhaupt sinnvoll ist.
Die Existenz von Elementarteilchen im Gravitationsfeld ist eine objektive
Realität. Überall sind wir auf unserer Erde von solchen Mikroobiekten
umgeben. Deshalb sind wir auch davon überzeugt, daß es eines Tages dafür
eine konsistente, Wahrheitsgehalt besitzende Theorie geben wird, wenn auch
der Weg dahin noch sehr mühsam sein wird.
Die Arbeit auf dem Grenzgebiet zwischen Gravitation und Quantenphysik ist
auch noch in einer anderen Hinsicht prognostisch unumgänglich: Die
Einsteinsche Gravitationstheorie ist die tiefgründigste nichtlineare
physikalische Theorie, die wir bisher besitzen. Alle Anzeichen deuten
darauf hin, daß eine zukünftige Theorie der Elementarteilchen nichtlinear
sein muß. Eigentlich ist bisher in erster Linie nur die konkrete Form
einer solchen Theorie (siehe z. B. Heisenbergs Theorie des Urmaterie-Feldes)
umstritten. Eine konsistente einheitliche Theorie der Materie, die die
Gravitation eo ipso mit umfassen muß, könnte durch das Studium der
nichtlinearen Struktur der Einsteinschen Gravitationstheorie bei ihrem
Aufbau deutliche Fingerzeige erwarten, da die Gravitationstheorie einen
Teilaspekt dieses Zukunftsgebäudes wiedergeben wird.
Für den gesamten Beitrag vgl. folgende Literatur:
| [1] |
V. Fock, Theorie von Raum, Zeit und Gravitation, Berlin 1060. |
| [2] |
L. Infeld, Ann. Physik 16, 1955, S. 299. |
| [3] |
C. Møller, The Theory of Relativity, Oxford 1955. |
| [4] |
N. Salié, Wiss. Z. der Friedrich-Schiller-Univers. Jena, Math.-Nat. R., 15. Jg., 1966, |
| [5] |
E. Schmutzer, Relativistische Physik, Leipzig 1968. |
| [6] |
E. Schmutzer, Exper. Technik, Physik, 9, 1981, S. 209. |
| [7] |
E. Schmutzer, Induction, Physics and Ethice (1968 Salzburg
Colloquium in the Philosophy and Science, edited by
P. Weingartner and G. Zecha), Dordrecht Holland.
|
Quellenangabe
Dieser Text stammt von/aus:
Ernst Schmutzer: Einige Interpretationsfragen der Allgemeinen Relativitätstheorie.
Aus dem Band: Struktur und Prozeß
Herausgegeben von Karl-Friedrich Wessel
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1977.
Seiten 89-108
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Ins HTML übersetzt von Olaf Eitner
Last Modified: 11.11.2006, 19.44
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